SZ 25.03.2026
16:55 Uhr

Industrie: Vom Autowerk zur Rüstungsfabrik?  Warum die Transformation ihre Tücken hat


Werden im VW-Werk in Osnabrück bald Rüstungsgüter produziert? Darüber wird derzeit heftig spekuliert. Management und Betriebsrat halten sich bedeckt. Offen bleibt die Frage, ob die Rüstungsbranche die strauchelnde Autoindustrie wirklich auffangen kann.

Industrie: Vom Autowerk zur Rüstungsfabrik?  Warum die Transformation ihre Tücken hat
Osnabrück: Ein Logo von Volkswagen steht an einer Einfahrt zum Werk Osnabrück. Hauke-Christian Dittrich/dpa

Mit Gerüchten ist das ja so eine Sache: Einmal in der Welt, verbreiten sie sich rasend schnell – egal, ob sie stimmen oder nicht. Meistens richten sie Schaden an. Und manchmal säen sie auch Hoffnung. So auch beim VW Werk Osnabrück. Statt an Autos könnte hier bald an Rüstungsgütern geschraubt werden, dieses Gerücht hält sich nun schon lange. Mal sollte es Rheinmetall sein, das wurde dann nichts. Und nun ist laut einem Bericht der Financial Times (FT) die Rede von einer möglichen Produktion des Luftabwehrsystems Iron Dome. Laut FT hat die israelische Firma Rafael Interesse an dem kleinen Werk in Osnabrück gezeigt. Rafael produziert den Iron Dome, der immer wieder Raketen vom israelischen Himmel holt.

Doch die Sache ist wohl noch unsicher. In israelischen Medien wird der Artikel zwar aufgegriffen – allerdings auffällig vorsichtig. Es heißt nur, eine mögliche Zusammenarbeit werde ausgelotet. Ein VW-Sprecher will sich nicht zum FT-Bericht äußern, man prüfe weiterhin „tragfähige Perspektiven“. Und der Betriebsrat? Hält sich bedeckt. Man beteilige sich „unter Rücksichtnahme auf die wichtige laufende Lösungsfindung“ nicht an solchen Spekulationen. Wohl ein anderer Grund für die Funkstille: Man möchte die Unruhe in der Belegschaft möglichst kleinhalten. Schließlich geht es um die Zukunft von 2300 Beschäftigten, dazu kommen noch mal 700 bis 900 Leiharbeiter sowie die Autozulieferer, die sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten rund um das Werk angesiedelt haben.

Sie alle sind von der Industriekrise in Deutschland betroffen. Jeden Monat verschwinden etwa 10 000 Industriejobs in Deutschland. Ganze Werke stehen zur Disposition, so wie das in Osnabrück. Längst ist die Deindustrialisierung zu einer ernsthaften Bedrohung hierzulande geworden. Währenddessen versuchen die Rüstungsfirmen, der enormen Nachfrage irgendwie gerecht zu werden.

Die einen stehen vor dem Abgrund, den anderen geht es prächtig. Könnten deshalb überall im Land Werke für Haushaltsgeräte, Autos und Zugwaggons zu Motoren der Aufrüstung umgebaut werden? Das ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint. Denn das Versprechen der Rüstungsindustrie ist längst nicht so groß, wie es sich so manch ein Industrievertreter wünscht.

Trotzdem hoffen in Osnabrück viele. Das Werk steht für VW grundsätzlich infrage, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach: „In Osnabrück besteht am ehesten eine Chance, Kosten zu sparen.“ Ein Volumenhersteller wie VW lebt davon, dass Autos in großen Stückzahlen gebaut werden können, dass die Auslastung hoch ist – all das, sagt Bratzel, gestalte sich in Osnabrück schwierig. Da käme es äußerst gelegen, wenn die Rüstungsbranche als Retter einspringt.

Doch das ist längst nicht ausgemacht. VW führt auch Gespräche mit zivilen Firmen, sagt ein Sprecher. „Es gibt eine Menge, die bei uns anklopfen.“ Zumindest wäre der Bereich Rüstung, in welcher Form auch immer, nicht komplett neu für VW. Die Autobauer sind schon seit 15 Jahren mit dem Rüstungsunternehmen Rheinmetall verbandelt, und zwar über das Gemeinschaftsunternehmen Rheinmetall MAN Military Vehicles. Rheinmetall übernimmt die Produktion in Osnabrück jedenfalls nicht. Das teilte Konzernchef Armin Papperger auf der Bilanzpressekonferenz mit.

Der niederländische Panzerhersteller KNDS ist wohl aber noch als Interessent für Osnabrück im Rennen. „KNDS befindet sich auf Wachstumskurs und wir arbeiten aktiv daran, den steigenden Kapazitätsbedarf bestmöglich zu decken“, schreibt die Firma auf Anfrage. Weiter heißt es, dass sie „auch Kooperationsmodelle mit geeigneten Industriepartnern“ prüfe. „Die Gespräche laufen, aber grundsätzlich werden wir nicht über Marktgerüchte spekulieren.“

An vielen Standorten in Deutschland tut sich nun die Frage auf, ob nicht die Rüstungsindustrie die Produktionsstätten übernehmen könnte. Auch Christian Mölling, der sich als Politikwissenschaftler mit Sicherheit und Verteidigung beschäftigt, beobachtet diese Debatte schon länger. Er hält sie teilweise für überzogen. „Man kann die Probleme der Automobilindustrie nicht durch die Rüstungsindustrie lösen“, sagt Mölling. Und weiter: „Eine solche Umnutzung ist oft nur in begrenzter Form möglich.“ Das Personal könne nicht immer das, was für die Rüstungsproduktion notwendig ist. Auch der Takt ist ein anderer: Die Rüstungsindustrie baut militärische Güter oft im Einschichtbetrieb, die Automobilindustrie arbeitet im Mehrschichtbetrieb. Klar, umschulen könne man häufig. Aber nicht immer können Rüstungsfirmen in den zivilen Werken auch wirklich ihre benötigten Güter produzieren.

Diese Problematik war zuletzt auch bei Rheinmetall zu sehen. Die Firma hatte einen Auftrag zur Produktion des sechsrädrigen Fuchs-Panzers von der Bundeswehr nicht bekommen, den sie im VW-Werk Osnabrück hätten bauen können. Ein anderes Panzermodell, wie den achträdrigen Boxer-Panzer, lässt sich dort aber kaum herstellen. Das würde der Boden der Fabrik nicht mitmachen, der aufgrund des hohen Gewichts des Boxer-Modells einbrechen könnte. Allein dieses Beispiel zeigt: Die Übernahme von zivilen Werken ist komplex. Und nicht immer passt das, was die Firmen suchen, zu dem, was das Werk auch bieten kann.

Nun sind im Rüstungsbereich Industrie und Staat wie in keiner anderen Branche miteinander verbunden. Welche Rolle auch der Staat beim Hochfahren der Produktionskapazitäten einnehmen muss, ist deshalb eine der wichtigsten Fragen derzeit. Der Wissenschaftler Johannes Binder vom Kiel Institut für Weltwirtschaft sagt dazu Folgendes: „Das Beschaffungssystem in Deutschland ist noch immer eher behäbig unterwegs.“ Aufträge werden zu langsam vergeben, was wiederum zu einem langsameren Aufbau der Produktion führt.

Sein Vorschlag: sogenannte Kapazitätsverträge. Der Staat müsste Rüstungsunternehmen eine gewisse Geldsumme geben, womit die Firmen Produktionskapazitäten aufbauen und am Laufen halten. Wenn die dann irgendwann gebraucht werden, kann man auf sie zurückgreifen. „Bestenfalls muss man die Produkte gar nicht produzieren, sondern allein die Kapazität an sich hat eine abschreckende Wirkung.“

In Frankreich geht die Regierung einfach auf die Konzerne zu und bestellt, was gebraucht wird. Eric Marchiol, Senior Digital Officer Industrie bei Renault, bestätigt im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, dass die Politik an den Autohersteller herangetreten sei, in die Drohnenproduktion einzusteigen: „Es ist richtig, dass das französische Ministerium bei uns angefragt hat, ob wir mit unserer Expertise beitragen können, französische Drohnen zu produzieren.“

Renault habe die Fähigkeiten, Drohnen zu designen, und die Kapazität, in die Massenproduktion einzusteigen. „Man braucht hohe Geschwindigkeit bei der Herstellung und geringe Produktionskosten, das können wir beitragen.“ Der Manager betonte auch: „Das ist eine Gelegenheit zu helfen.“ Deshalb baut die Automobilfirma nun 6000 Drohnen pro Monat. Über zehn Jahre erstreckt sich der Auftrag, der Renault etwa eine Milliarde Euro einbringt.

Doch Drohne ist nicht gleich Panzer. „Eine Drohne baut ihnen jeder irgendwo zusammen“, sagt Politikwissenschaftler Mölling. Der Bau einer Drohne sei deutlich weniger komplex und habe deutlich weniger Komponenten als ein Kampfpanzer. Kurzum: Fabriken für Drohnen zu finden, ist eine Sache. Bei anderen, komplexeren Systemen sieht das Ganze schon anders aus.

In Osnabrück jedenfalls strebt man eine Lösung bis Ende dieses Jahres an. Das sagte Konzernchef Oliver Blume bei der Jahrespressekonferenz Mitte März. Dies wurde vonseiten des Betriebsrats und der Gewerkschaft IG Metall als gutes Signal gewertet, als Zeichen, dass man sich kümmere. Doch einige sagen auch: Ende des Jahres wäre viel zu spät, eigentlich müsste man bereits jetzt eine Lösung finden. Im Sommer 2027 wird das letzte T-Roc-Cabrio vom Band laufen. Bis man Mitarbeiter umgeschult hat und das Werk für neue Zwecke umgebaut, könnte es mindestens ein Jahr dauern – eher länger.

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